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175 Jahre Schwarzwälder Bote Professor Wolffsohn über Kulturgut

Alexander Gossweiler, vom 20.07.2010 14:30 Uhr
Michael Wolffsohn spricht über Zeitung als Kulturgut. Foto: Kienzler
Michael Wolffsohn spricht über Zeitung als Kulturgut. Foto: Kienzler

Oberndorf - Den Part des Festredners übernimmt Michael Wolffsohn, Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehr-Universität in München, Publizist und gefragter Diskutant, aufgewachsen in Tel Aviv und Berlin und seit einigen Jahren ein »halb-und-halb Berlin-Münchner«, wie er verrät. Kann denn so einer – ein Kosmopolit – ein fachmännisches Urteil darüber abgeben, ob die Heimatzeitung Schwarzwälder Bote ein »Kulturgut« ist? »Kulturgut Zeitung in einer veränderten Gesellschaft« ist das Thema seiner Ansprache.

Satte 175 Jahre alt: wirtschaftlichen Krisen und Kriegen zum Trotz

Wolffsohn kann sehr wohl urteilen, nicht nur, weil er »darum gebeten wurde«, Festredner zu sein: Den Schwarzwälder Boten kennt er von »vereinzelten, immer sehr schönen Aufenthalten in dessen Verbreitungsgebiet«, wie er sagt, aus der Presseschau im Radio und durch das Internet.

Wer unter den Gästen in der Oberndorfer Klosterkirche nun glaubt, sich bei üblichen Floskeln und Denksprüchen zum Thema Zeitung und Kultur, Jugend und Internet entspannt zurücklehnen zu können, wird enttäuscht. Smart und witzig versteht es Wolffsohn nicht nur mit Worten spielend, mit Sätzen jonglierend und mit Alliterationen turtelnd seine Anschauungen zum Thema fast schon wie ein Gedicht zu präsentieren. Wolffsohn peitscht seine Zuhörer auch durch Inhalte. Er zwingt geradezu, Positionen und Strukturen im Journalismus zu überdenken, spricht von Verantwortung, Qualität und Boulevard, bezieht sich auf Goethes Faust, differenziert Masse von Klasse, und er macht Mut: »Die Zeitung lebt, sie hat gelebt, sie wird leben«, denn sie ist »das Tor zur Welt« – egal ob gedruckt auf Papier oder digital als »E-Zeitung« im Internet abrufbar.

Er betont die Rolle der Zeitung als Kontrollorgan zur Sicherung einer Demokratie, spricht von der »Verführung der Journalisten« und seiner eigenen, wissenschaftlichen »Pflicht der Diagnose«. Und hatte doch eigentlich ganz harmlos bei Steinen, Rinde, Knochen und Papyrus angefangen. Bei dem also, was anno dazumal für die »Urformen« der Zeitungsproduktion zur Verfügung stand. Ja, so lange schon gibt es Zeitung. Nur ihr Erscheinungsbild hat sich verändert.

Aber zurück zum Kulturgut Zeitung. Wer sich noch darum sorgt, ob sich der Schwarzwälder Bote wirklich Kulturgut nennen darf, der kann sich nun entspannen. Ja, er ist Kulturgut, sagt Wolffsohn. »Ein Kulturgut, das, obwohl regional fokussiert, nicht unter die Kategorie ›Folkore‹, ›Brauchtum‹ oder ›Provinz‹ fällt«. Ein Kulturgut, das sich unter anderem durch seine hochwertigen Kommentare auszeichnet: »Die Zitate des Schwarzwälder Boten sind, bezogen auf Analyse und Meinung überzeugend, echte Qualität, Zeitungskultur«. »Kein Mensch«, da ist sich Wolffsohn ebenfalls sicher, »gar im Südwesten, kauft oder abonniert seine Tageszeitung, wenn er fürs Geld nicht die entsprechende Qualität bekäme«.

Qualität also ist der Grund, weshalb unsere Zeitung schon 175 Jahre überdauern konnte, wirtschaftlichen Krisen und Kriegen zum Trotz. Und auch weiter überdauern wird. Denn das gedruckte Wort erlaubt keine »ungefilterten Jedermannsgedanken«, wie sie so häufig in Blogs und Foren im Internet zu finden seien. »Es packt einen das Grausen, und man ruft: Ein Königreich, ein Königreich für eine Zeitung«, spricht Wolffsohn weiter. Der Applaus gibt ihm Recht.
 

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